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Erinnerung

Wir sind alle tief erschüttert, dass unser lieber, geliebter Freund, Daniel Doile gegangen ist. Er war ein tiefgründiger, hochsensibler, feinfühliger, ehrlicher Mensch, mit großem Herzen voll mit Liebe und voll mit Ideen und mit leidenschaftlichem Gerechtigkeitsgefühl. Er hat seine schwere Krankheit mit so einer Haltung getragen und mit so einer Kraft bekämpft, vor der man sich nur verbeugen kann. Sollten wir nicht aufhören mit unseren ständigen alltäglichen Klagen? Ein bisschen bescheidener werden, nur ein bisschen? 

 

Er war immer an das Leben gewandt. Unbegreiflich, wie er in so einem Zustand, unter den schwersten körperlichen Belastungen für uns, für das Kunsthaus, eine Webseite gebaut hat, unsere erste, mit viel Konzentration, von höchster Genauigkeit, sehr anspruchsvoll. Er hat uns dieses Geschenk gegeben. Wir wollten noch zusammen arbeiten. "Ich brauche eine neue Kamera, um besser zu werden, um mich zu entwickeln", hat er vor ein paar Monaten gesagt. 

Daniel Doile

"Um mich zu entwickeln." 

In so einem Zustand. In so einer Lage. Zwischen ärztlichen Untersuchungen, Behandlungen, Krankenhausaufenthalten, körperlich sehr geschwächt, dachte er an Entwicklung. 

Können wir das begreifen? 

 

Und das war keine bodenlose, wilde Idee, keine Selbsttäuschung. Ihm war alles bewusst. 

Er hatte sich auch immer wieder über Dinge aufgeregt, in der näheren und weiteren Umgebung. Er hatte Kraft, Widersprüche und Ungerechtigkeiten zu sehen und wütend zu werden, zu diskutieren. Was ist das, wenn nicht Leben? Das Leben selbst, in seinem tiefsten, bewegten Kern? 

Können wir das begreifen? 

 

Er war ein toller Künstler, ein toller Fotograf, der sich vor allem für Menschen und Menschlichkeit interessierte. Seine Augen konnte man nicht täuschen, mit klarem Blick erwischte er uns: unergreifbare, flüchtige Momente, feine Regungen unserer Gefühle, zufällige Gesten, die doch so viel Verstecktes über uns erzählen. Genauso viel, wie unsere gegenständliche und räumliche Umgebung. Konstellationen von Menschen, von Umständen, die sich manchmal so schnell bilden und genauso schnell auflösen. Unsere Abwesenheit, unser Dasein. 

 

Dieser Blick war entschlossen, haargenau und kristallklar, aber nie kalt und nie lauernd. Seine Bilder urteilen nicht über uns und sind nicht voyeuristisch: sie sind einfach nah, mit feiner Aufmerksamkeit, gefühlvoll, ganz mit uns. Derjenige, der fotografiert, ist einer von uns. Es ist nur reiner Zufall, dass gerade er eine Kamera in der Hand hat und dass gerade er wahnsinnig talentiert ist. Das ist die tiefe Wurzel seiner Kunst, die Grundeinstellung, die unter seinen Bildern schwingt, die Ethik, die seine Ästhetik gründet. 

 

Wenn das Ziel wertvoll war, war Materielles für ihn nie wichtig. Er hat sich gänzlich der Idee hingegeben und immer nur darauf geschaut, wie man die Dinge besser und noch besser machen und sich dabei gegenseitig unterstützen kann. Er hat nicht auf Titel, Name, Position, Vermögen und Äußerliches geachtet, bei sich selbst genauso wenig wie bei anderen. Er hat immer nur gefragt: wer bist du, Mensch? Mensch, du, der deine Dinge machst? 

 

Und, ja, wer sind wir. 

 

Frühlingsfest, Aufführungen, Ausstellungen: er war dabei. Wir werden uns an all diese Feste für immer durch seinen Blick erinnern. Wenn man die Fotos anschaut, bekommt man den Eindruck, er musste gleichzeitig überall präsent sein, um all diese zwischenmenschlichen Mikro-Ereignisse sehen zu können. 

 

Als ich aber Fotos über ihn gesucht habe, habe ich erstmal nichts gefunden. Der geniale Fotograf, der überall gleichzeitig war - blieb selbst unbemerkt, sogar unsichtbar. 

 

Dann bin ich auf ein Foto gestoßen. Es hat Harri, sein 8-jähriger Sohn gemacht, mit seiner kleinen Kamera. Letztes Jahr, Ende April war das, beim Frühlingsfest, da war Daniel noch voll dabei. Vor knapp einem Jahr, 2023. Ein Portrait. Das Foto ist etwas verschwommen: Es ist abends, die Lichter der Ausstellung Outsider Agora in der Scheune leuchten schon im Hintergrund. Daniel steht ziemlich nah, frontal, uns gegenüber, aber man sieht ihn nicht - er fotografiert gerade. 

 

Was niemand konnte: Harri hat seinen Vater beim Fotografieren erwischt - und Daniel hat sich so erwischen lassen. Wollte er gerade Harri fotografieren? Gibt es vielleicht ein Paar-Bild, ein Gegen-Bild, das er zeitgleich über Harri geschossen hat? Vater und Sohn, Spiel, Spiel, Zunge raus, fotografieren sich fotografierend? Oder war das von ihm eher eine Reaktion auf Harris Absicht und wollte er sich hinter die Kamera verstecken? 

 

Danke Dir, Daniel. Für alles. 

Wir werden uns an dich immer erinnern. 

Wir freuen uns sehr, dass wir mit Dir auf dieser Erde für eine Weile Schulter an Schulter zusammen unterwegs waren.

 

Ruhe in Frieden, Daniel Doile. 

 

2024

Text von Eszter Parragi